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1. Historische Bauten / Objekte
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Bauwerk / Objekt:
Norddeich Radio (Großrundfunksender Osterloog)
Adresse:
Osterlooger Weg
 
Lage:
 
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Foto(s) vom:
04.06.2013
 
© 2013 Norbert Gilson
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erbaut: 1927-29 / 1937-39 (Erweiterung)
    
Um die Entstehung der Funkentelegraphenstation Norddeich, die 1905 ihren Probebetrieb und im Mai 1907 ihren regulären Betrieb aufnahm, ranken sich viele Legenden, die auf die Konkurrenz zwischen den beiden damals führenden Funksystemen der englischen Marconi Co. und der in Deutschland 1903 gegründeten Gesellschaft für drahtlose Telegraphie, System Telefunken (zur Geschichte siehe bei -> »mehr«) Bezug nehmen. Höchstwahrscheinlich geht die Einrichtung der Station auf die Absicht zurück, den westlichen Bereich der deutschen Bucht bis hin zum Ärmelkanal, in erster Linie für Kriegsschiffe, mit einer Funkstelle abdecken zu können, nachdem sich die Versuche mit der neuen Technologie in der Großfunkstelle für drahtlose Telegraphie in Nauen als erfolgversprechend herausgestellt hatten. Als Standort der festen Funkstelle wurde zunächst die Insel Borkum in Erwägung gezogen, strategische und technologische (bessere Wellenausbreitung infolge günstigerer Bodenverhältnisse) Überlegungen führten jedoch zur Entscheidung für den Standort Norddeich. Die zunächst der Postverwaltung, dem Postamt Norddeich, unterstellte Funkstation nahm im Mai 1907 ihren Betrieb auf, um den Funkkontakt mit Kriegs- und Handelsschiffen herzustellen.
    
    Die ursprüngliche technische Ausstattung der Küstenfunkstelle in Norddeich bestand aus einem Knallfunkensender und vier 65 m hohen Antennentürmen mit einer daran aufgehängten Antennenanlage aus einem trichterförmigen Netz aus Bronzedrähten. Der Sender arbeitete als Langwellensender mit einer Wellenlänge von 2.000 m, entsprechend einer Frequenz von 150 kHz. 1910 wurden zwei der bei Telefunken nach einer Idee des Physikers Max Wien entwickelten Löschfunkensender (auch als „Tonfunkensender″ bezeichnet) von 2,5 kW und 10 kW Leistung installiert. Durch eine gleichzeitige Erhöhung der Antennenmasten ließ sich die Reichweite nun auf mehr als 3.000 km steigern. Nachdem die Station im Ersten Weltkrieg unter das Kommando der Kaiserlichen Marine gestellt worden war, wurde die technische Ausstattung nach dem Krieg durch leistungsfähige Sender aus Marinebeständen ergänzt, unter anderem durch einen Poulsen-Sender von 4 kW Leistung, der zwer eingebaut, aber nicht mehr weiter verwendet wurde. Dagegen erlaubte es der Einsatz von Prototypen der neu entwickelten Röhrensender, erste Versuche mit Sprechfunk zu unternehmen. Der Wetterbericht wurde nach der telegrafischen Aussendung mit Morsezeichen anschließend auch gesprochen übermittelt. Zusammen mit der anderen großen Funkstelle der Deutschen Reichspost in Königs Wusterhausen erhielt die Anlage in Norddeich den Titel „Hauptfunkstelle″.
    
    Nachdem in den 1920er Jahren das vorteilhafte Ausbreitungsverhalten von Kurzwellen entdeckt worden war, nahm die Reichspostverwaltung 1927 den Neubau einer Sendeanlage in Norddeich in Aussicht. 1927 erwarb die Reichspostverwaltung nordöstlich von Norden, nur wenige hundert Meter vom Nordseedeich entfernt, ein rund 23 ha großes Gelände, um hier die neue Sendefunkstelle aufzubauen. Bis zum Sommer 1929 entstanden das Sendegebäude, ein Zwischentrakt, das Maschinenhaus und die Antennenanlage. Der Sender sollte aus drei gleichartig gestalteten, 120 m hohen Stahltürmen bestehen, die neben den vier alten freistehenden Türmen platziert werden sollten. Die von den Türmen getragenen Antennen wurden durch eine Gegengewichts- und Windeeinrichtung im Spannungsausgleich gehalten. Mit dem Bau der Türme wurde eine der führenden Stahlbaufirmen, Hein, Lehmann & Co., beauftragt. Als Baumaterial für die Türme kam - zum ersten Mal in Deutschland - gekupferter Siemens-Martin-Stahl zum Einsatz. Am Fuß waren die Türme durch Porzellankörper gegen das Erdreich isoliert, durch eine Leiter waren sie bis zur Windenplattform und darüber hinaus bis zur Spitze begehbar. Anfang 1929 stand die Sendeanlage für die Aufnahme des Funkdienstes zur Verfügung. Die Antennen dienten zur Abstrahlung der Wellen eines 10 kW starken Kurzwellensenders, der kurz später um weitere 20-kW-Kurzwellensender ergänzt wurde.
    
    Da das gleichzeitige Senden und Empfangen von Funksignalen am selben Ort zunehmend Probleme bereitete, war bereits 1923 beschlossen worden, im drei Kilometer entfernten Nordener Vorort Westgaste eine separate Empfangsstelle aufzubauen. Dieser Standort erwies sich allerdings infolge von Störungen durch den Gebrauch von Elektrogeräten in den umliegenden Wohnhäusern und Höfen - eine Funkentstörung gab es damals noch nicht - als wenig geeignet. Daher wurde die Empfangsstation nach Utlandshörn, weitab jeglicher Siedlungen, verlegt (siehe bei -> »weiter«) und im Dezember 1931 in Betrieb genommen.
    
    Nach vorübergehendem Einbruch im Telegrammaufkommen während der Weltwirtschaftskrise brachten vor allem die Olympischen Spiele 1936 der Funkstation ein ungewöhnlich hohes Auftragsvolumen. In technischer Hinsicht experimentierte man mit der Ankopplung des öffentlichen Telegrafennetzes, um Telegramme ohne Zwischenstation direkt an die Empfänger übermitteln zu können.
    
    1937 erweiterte die Deutsche Reichspost die Sendeanlage um einen Mittelwellensender. Bis zum Sommer 1939 entstanden zwei über Koaxialkabel gespeisten Masten von 150 m Höhe sowie je vier 120 m hohe so genannte Reflektoren und Direktoren. Die Stromversorgung erfolgte im Normalbetrieb über eine Umspannanlage aus dem öffentlichen Netz, für den Fall eines Netzausfalls stand ein dieselgetriebener Generator zur Verfügung. Die Sendeeinrichtung mit einer Leistung von 100 kW war für den Mittelwellenbetrieb von 400 bis 1.060 kHz ausgelegt. Über den neuen »Großrundfunksender Osterloog« wurde nicht nur die englischsprachige NS-Propagandasendung „Germany calling″ ausgestrahlt, auch die Funkkontakte zu den deutschen Kriegsschiffen und U-Booten liefen zum Teil über Osterloog. Die Funkstelle blieb vor Bombardierungen verschont, da die abgehörten Funksignale wichtige Hinweise über den Verkehr deutscher Schiffe auf See lieferten.
    
    Im Mai 1945 wurde die Sendeanlage Osterloog von kanadischen und britischen Truppen besetzt. Bereits im Juni 1945 nahm der englische Soldatensender British Forces Network (BFN) von hier seinen Sendebetrieb auf. Im September 1946 übernahm die Londoner British Broadcasting Corporation (BBC) Gebäude und technische Anlagen, um bis Anfang der 1950er Jahre von der ostfriesischen Küste aus das BBC-Europa-Programm im mehreren Sprachen auszustrahlen. Im März 1950 erfolgte die endgültige Übergabe der Station Osterloog an den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR). Die Rundfunkanstalt sendete von Osterloog aus nun über einen 5-kW-Mittelwellensender das in Hamburg, Köln und Berlin produzierte Rundfunkprogramm.
    
    Im August 1950 nahm der NWDR einen neuen Kurzwellensender in Betrieb, der zum Ausgangspunkt für den weiteren Ausbau des Kurzwellenbetriebs wurde. Seit Mai 1953 wurde darüber das Programm der neugegründeten Deutschen Welle, des staatlichen Auslandsrundfunks der Bundesrepublik, abgestrahlt. Anfang der 1960er Jahre ging die Ära des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Osterloog zu Ende. Die inzwischen aus der Aufteilung des NWDR entstandenen neuen Rundfunkanstalten, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und der Westdeutsche Rundfunk (WDR), hatten inzwischen neue Senderstandorte aufgebaut. So wurde der Mittelwellenbetrieb im März 1964 eingestellt. Auch für den Kurzwellenbetrieb kam das Ende, nachdem der neue Kurzwellensender der Deutschen Welle in Jülich in Betrieb genommen worden war. Im Juni 1964 erwarb die Deutsche Bundespost die Anlage, modernisierte die technische Einrichtung grundlegend und richtete hier den Seefunkdienst ein. Der Sendebetrieb der ursprünglich in Norden eingerichteten Funkstation wurde 1970 eingestellt.
    
    In der Mitte der 1970er Jahre war die »Küstenfunkstelle Osterloog« des Funkamtes Hamburg der Deutschen Bundespost mit 180 Mitarbeitern und 41 Sendern die größte deutsche Küstenfunkstelle. Ihre Hauptaufgabe war die Verbindung zu Schiffen auf See für den normalen postalischen Dienst und den Sicherheitsfunkdienst. Täglich wurden rund 1.000 Telegramme und 300 Ferngespräche übermittelt, die von jedem Postamt aufgegeben oder geführt werden konnten. Zu Weihnachten kamen etwa 35.000 zusätzliche Weihnachtsgrüße hinzu. Die technische Ausstattung bestand aus sechs Kurzwellensendern und sechs kombinierten Grenzwellen-Kurzwellensender, die für alle in Frage kommenden Sendearten eingesetzt werden konnten. Die Sendeanlagen wurden von der Betriebszentrale in Utlandshörn fernbedient. Die weithin sichtbare Antennenanlage in Osterloog bestand aus neun Kurzwellen-Rundstrahl-Reusenantennen von 22 m Höhe, einem 45 m hohen Gittermast, zwei Rohrmasten von 40 m Höhe sowie einem Rohrmast von 135 m Höhe. Für den Mittelwellenbereich waren vier 65 m hohe Stahlgittermasten und zwei drehbare Richtstrahlantennen vorhanden.
    
    Infolge des Ausbaus der international verfügbaren Satellitentechnik, über die im Selbstwählverfahren Verbindungen zu nahezu allen Telefonanschlüssen weltweit hergestellt werden konnten, verlor die Küstenfunkstelle seit den 1980er Jahren zunehmend ihre ursprüngliche Funktion. Anfang der 1990er Jahre war bereits ein Großteil der Schiffe mit Kommunikationseinrichtungen für die Satellitentechnik ausgestattet. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden die verschiedenen Dienste nach und nach eingestellt, bis am 31. Dezember 1998 schließlich auch der UKW-Sprechfunkdienst beendet wurde. Die Sendemasten wurden abgebaut und die Gebäude nach längerem Leerstand unter dem Namen »Waloseum« in eine Seehund-Aufzuchtstation mit einem Informationszentrum über Meeressäuger umgewandelt. An die ehemalige Sendeanlage erinnert noch ein Erdungsschalter (zur kurzzeitigen Erdung der Sendeanlage bei Blitzeinschlag), der heute in der Eingangshalle des »Waloseums« aufgestellt ist (Foto 4).

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Quelle(n)/Text:
• Friedrich Herbst, Die neuen Funktürme von Norddeich; in: Der Stahlbau 2(1929), Heft 15, S. 169-171
• Willi Paul, Technische Sehenswürdigkeiten in Deutschland. Band I. Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Bremen, München 1976
• Kurt Wagenführ [Red.], Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Küstenfunkstelle Norddeich Radio 1907 - 1957, Hamburg 1957
• Website www.rundfunk-nostalgie.de/sendero.html (16.03.2017)
• Oberpostdirektion Hamburg (Hrsg.), 75 Jahre Norddeich Radio. 1907 - 1982, o.O. [1982]
• Gerhard Canzler, Norddeich Radio. 1905 - 1998, Weener (Ems) 2004
    
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